Kapitel V: Schlußbetrachtung
Die vorhergehende Analyse des Zusammenhangs von Buchdruck und sprachlicher Normierung hat gezeigt, daß der Einfluß von Gutenbergs Erfindung auf die Entwicklung einer deutschen Hochsprache keineswegs zu unterschätzen ist. Natürlich war der Buchdruck nicht allein die prägende Kraft bei der Herausbildung einer allgemeinen Schriftsprache [1]; insbesondere das Frühneuhochdeutsche leitet diese bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein. Gemeinsprachliche Tendenzen finden sich somit bereits hundert Jahre vor der Erfindung des Druckens. [2] Die Fokussierung auf die technisch-ökonomischen Implikationen der Buchproduktion – wie sie hier versucht wurde – eröffnet aber eine Perspektive auf den Buchdruck, die diesen mit der von einem neuen medialen Bruch geprägten Gegenwart verbindet.
Schließlich ist zu betonen, daß die Konsequenzen des Buchdrucks für die sprachliche Entwicklung nur ein Aspekt der tiefgreifenden Veränderungen sind, die diese Umwälzung in Bezug auf die gesamte frühneuzeitliche Lebenswelt hervorgerufen hat. Die schriftliche Abbildung von Sachverhalten, die »zuvor nicht im Bereich der kommunikativen Bedürfnisse gelegen haben« [3], ist eine über die sprachnormierende Kraft des Mobilletterndrucks hinausgehende Innovation, die eine eigene und umfassendere Untersuchung ausmachen würde. So bleibt mit Walther von der Vogelweide festzustellen: »weiz ich des ein teil, sô west ich es gerne mê« [4].
Quellenangaben
(1) Vgl. Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift, S. 309
(2) Vgl. Schirokauer, S. 325
(3) Giesecke: Sinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandel, S. 79
(4) Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche. 14., völlig neu bearb. Aufl. der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner. Herausgegeben von Christoph Courmeau. Berlin / New York 1996, L 69, 2