II.1 Mythos Gutenberg
Wohin würde es führen, wenn ich allen Unsinn, der je über Gutenberg geschrieben wurde, aufzählen und widerlegen wollte!« [1] »Daß die Persönlichkeit des Buchdruck-Erfinders als […] makellos, rein und tugendhaft porträtiert werden« und gleichsam ein Mythos Gutenberg entstehen konnte, »liegt sicher an der unbefriedigenden Quellenlage zu seinem Leben« [2]. Aber nicht alleine die lückenhafte Überlieferung zu seiner Biographie – »die meisten der drei Dutzend Dokumente […] drehen sich um die gerichtliche Klärung bestimmter Finanzangelegenheiten« [3] –, sondern auch der Wunsch, »das ›Segensreiche‹ des Buchdrucks notwendig auf dessen Erfinder übertragen sehen« [4] zu wollen, hat zu einem verfälschten Bild Gutenbergs beigetragen. Dieses konnte allerdings in jüngeren biographischen Darstellungen von Autoren wie Albert Kapr [5], Andreas Venzke [6], Stephan Füssel [7] und Sabine Wagner [8] durch die Offenlegung »mancherlei Widersprüche« [9] größtenteils korrigiert werden. Es ist deshalb an dieser Stelle auch nicht notwendig, aus den überlieferten Bruchstücken die Gesamtskizze eines Gutenbergbildes neu zu entwerfen. [10] Vielmehr soll im folgenden, stellvertretend für die Buchdrucker der Wiegendruckzeit, an Ausschnitten der Biographie des Erfinders verdeutlicht werden, daß die Errichtung und der Betrieb einer Offizin eine kosten- und arbeitsintensive Unternehmung war.
Dabei soll nicht verhehlt werden, daß nicht nur die Quellen zum Leben Gutenbergs, sondern auch diejenigen über den Buchdruck in der Inkunabelzeit dürftig erscheinen, denn die erste einigermaßen gründliche Darstellung über die Arbeitsabläufe bei der Herstellung der ersten Druckwerke stammt aus dem Jahr 1567. [11]
Es sind keinerlei Werkzeuge Gutenbergs oder seiner unmittelbaren Zeitgenossen überliefert. Ebenso fehlt es an sprachlichen Beschreibungen der Geräte und Arbeitsabläufe, selbst Abbildungen über Druckerpressen oder einzelne Werkzeuge suchen wir bis zur Wende zum 16. Jahrhundert vergeblich. [12]
Demnach wird bei der nun folgenden Darstellung angenommen, daß sich die aus dem 16. und teils auch aus dem 17. Jahrhundert stammenden Informationen über den Buchdruck auf die Inkunabelzeit zurückprojizieren lassen.
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Quellenangaben
(1) Aloys Ruppel: Johannes Gutenberg. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1947, S. 10
(2) Venzke: Johannes Gutenberg, S. 327. Die Unsicherheiten um den Lebenslauf des Johannes Gensfleisch zur Laden, genannt Gutenberg, beginnen bereits mit seiner Geburt, da ein sicheres Geburtsdatum nicht überliefert ist. Mit unterschiedlichen Argumenten wurde errechnet, daß er zwischen den Jahren 1393 und 1408 wahrscheinlich in Mainz auf die Welt gekommen sein muß. Offiziell und zugleich symbolisch wurde der 24. Juni 1400 als Gutenbergs »Geburtstag« akzeptiert (vgl. die unten genannten Biographien sowie Isa Fleischmann: Metallschnitt und Teigdruck. Technik und Entstehung zur Zeit des frühen Buchdrucks, Mainz 1998, S. 83). In diese Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, daß auch ein authentisches Portrait von Gutenberg bisher nicht überliefert ist. Das älteste bekannte Bildnis, der Kupferstich aus André Thevets Lebensbeschreibungen berühmter Männer, der auch einigen aktuellen Biographien voransteht, stammt aus dem Jahr 1584 (vgl. Otto Martin: »Johannes Gutenberg im Bildnis«, in: Imprimatur. Neue Folge. Band XIV (1991), S. 109).
(3) Venzke: Johannes Gutenberg, S. 37
(4) Ebd., S. 327
(5) Vgl. Albert Kapr: Johannes Gutenberg. Persönlichkeit und Leistung, München 1987
(6) Vgl. Venzke: Johannes Gutenberg
(7) Vgl. Füssel: Gutenberg
(8) Vgl. Sabine Wagner: »Bekannter Unbekannter – Johannes Gutenberg« in: Stadt Mainz (Hrsg.): Gutenberg. aventur und kunst. Vom Geheimunternehmen zur ersten Medienrevolution, Mainz 2000, S. 114-143
(9) Kapr: Johannes Gutenberg, S. 8
(10) Wollte man dies trotzdem versuchen und schon begangene Fehler vermeiden, wäre insbesondere darauf zu achten, daß der Erfinder des Mobilletterndrucks »nur als Mensch seiner Zeit verstanden werden« (ebd.) kann, und daß Konjekturen zu seinem Leben auf einer schlüssigen Argumentation basieren müssen.
(11) Vgl. Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 69 f. Die älteste Darstellung einer Druckerei ist ein Holzschnitt in einem von Matthias Huß in Lyon im Jahre 1499 gedruckten »Totentanz« (vgl. Füssel: Gutenberg, S. 32).
(12) Ebd., S. 69