II.3 Gutenbergs Motiv
Aufgrund der mangelnden Quellenlage ist wenig überrraschend, daß über die Intention, die der Erfindung Gutenbergs zugrundelag, keine Zeugnisse überliefert sind. Andreas Venzke folgert aus den wenigen überlieferten Dokumenten über Gutenbergs Leben und Handeln, dieser sei in erster Linie an ökonomischem Erfolg interessiert gewesen:
Gutenbergs Ziel bestand sicher nicht darin, seinem Zeitalter durch den Buchdruck das Licht der Erkenntnis darzubringen, oder auch nur »das Wort Gottes« zu vervielfältigen […], und es bestand nicht einmal darin, den Buchdruck per se auf eine künstlerische Höhe zu führen. Sein Ziel bestand vielmehr in der massenhaften Fertigung eines bis dahin nur einzeln zu denkenden Produkts. Auf diese geniale Weise wollte er sich eine sprudelnde Einkommensquelle verschaffen. […] Der energische Erfinder muß ein Gespür für den »Markt« gehabt haben, der nach Schriften verlangte, die fast alle dem religiös verbrämten, symbolisch-mystischen, abergläubischen Denken jener Zeit entsprachen, Schriften, die zwar formal neu gekleidet waren, die aber inhaltlich den Menschen nur weiterhin die Zwangsjacke der kirchlich-feudalen Herrschaft anlegten. [1]
Der Reduzierung von Gutenbergs Beweggründen auf rein wirtschaftliche Ziele kann nicht zugestimmt werden. Selbstverständlich sollte mit den drucktechnisch hergestellten Produkten ein Gewinn erzielt werden. Das vorhergehende Kapitel hat aber außerdem verdeutlicht, welchen Aufwand Gutenberg bei der Produktion der Bibeln betrieben hat. Wäre es ihm nun primär um den finanziellen Nutzen seiner Unternehmung angekommen, hätte er »statt der annähernd dreihundert verschiedenen Lettern, die er verwendete, […] leicht mit weniger als einem Viertel des Zeichenreservoirs auskommen« [2], seine Herstellungskosten damit deutlich senken und seinen Profit somit maximieren können.
In der neueren Forschung geht man daher davon aus, daß Gutenberg mit der neuen Drucktechnologie zum einen »die zu seiner Zeit immer deutlicher sichtbar werdenden Mängel […] der ›ars artificialiter scribendi‹«[3], und zum anderen »die Zersplitterungstendenz der Schreibkultur in eine Vielzahl von individuellen ›Inselschriften‹ durch den technisch gesicherten Rückgriff auf die Autorität der auratischen Normschrift der Respublica Christiana« [4] zu therapieren versucht hatte. Trotz dieser beiden alternativen Erklärungsmodelle kann die ebenfalls ökonomische Orientierung Gutenbergs allerdings auch nicht zwingend ausgeschlossen werden.
»Durch die kontinuierlichen Produktionssteigerungen, die schon im 14. Jahrhundert begannen und im 15. Jahrhundert kulminierten, wurden die Schreibstuben offenbar mehr und mehr ausgelastet bzw. überlastet.« [5] Die Skriptorien und Schreiber waren dabei neben der Produktion von Literatur seit dem 12. Jahrhundert auch zunehmend mit der Anfertigung »pragmatischen« Schriftguts, wie zum Beispiel Urkunden, beschäftigt. [6] Jede Erweiterung des Kreises der Buchproduzenten führte aber zugleich zu einer Vergrößerung des Rezipientenkreises, der wiederum eine erhöhte Nachfrage nach Büchern erzeugte. Erst mit Hilfe des Buchdrucks war man in der Lage diesen Circulus vitiosus zu durchbrechen und diejenigen von dem ermüdenden Abschreiben zu entlasten, die zugleich mit der kreativeren Aufgabe beschäftigt waren, neue Werke zu verfassen. [7]
Je mehr [demzufolge] im Spätmittelalter unter Zeitdruck geschrieben, vor allem abgeschrieben, wurde, je mehr Menschen zur Feder griffen, die weder über eine gründliche Ausbildung noch über die genügende Muße verfügten, umso unerfreulicher wurde der Anblick der Texte und umso schwieriger ihre Entzifferung. [8]
Dank der Vielzahl an hergestellten Formen war Gutenberg demgegenüber zu einer überaus präzisen, harmonischen und variantenreichen Textgestaltung in der Lage. Nicht zuletzt der Brief des Piccolomini dürfte bewiesen haben, daß er mit den besten Kodizes konkurrieren, deren Qualität wahrscheinlich sogar übertreffen konnte. Gutenberg war also nach Giesecke zuallererst daran interessiert, den Verfall des kunstgerechten, kunstvollen Schreibens aufzuhalten. Diese ästhetische Intention kommt auch im Kolophon der ihm zugeschriebenen Inkunabel des »Catholicon« zum Ausdruck. Hier heißt es, dieses Buch sei »mit der wunderbaren Harmonie und dem Maß [Modul] der Typen und Formen gedruckt und vollendet worden« [9].
Andererseits mußte er erkannt haben, daß »schöne Schriften und nicht etwa preiswerte Massenware zu produzieren« [10] eine Marktlücke schließen und seiner Unternehmung, trotz des hohen Aufwandes, beträchtliche Gewinne einbringen konnte. Die enorme Belastung der Skriptoren hatte vermutlich insbesondere zu einem Mangel an schönen, hochwertigen Handschriften geführt, denn die gesamte Auflage der 42zeiligen Bibel konnte bekanntlich sehr schnell abgesetzt werden.
Es ist aber ebenso denkbar, daß Gutenberg sich weniger an der Vernachlässigung der mittelalterlichen Proportions- und Schriftvorstellungen, als an der »Individualisierung und Heterogenisierung der Schriften« [11] störte. Die Ausweitung der Nutzung skriptographischer Medien in weiteren und anderen Bevölkerungsschichten, Berufs- und Interessengruppen hatte zu einer Differenzierung der Schreibkultur geführt. Es bildeten sich zahlreiche Schriftsysteme, »die nur die kommunikativen Bedürfnisse jeweils äußerst begrenzter Benutzergruppen« [12] befriedigen konnten. Durch die Verwendung der strengen, konservativen und zugleich würdevollen Textura sollte nun »das Vermögen des Buchdrucks zu gleichförmiger und funktional nicht eingeschränkter Schriftform« [13] und damit zur Vereinheitlichung der zersplitterten und individualisierten Schreibkultur unter Beweis gestellt werden. Aber Gutenberg blieb in dieser Hinsicht erfolglos, denn das allgemeine Streben nach getreuer Nachahmung der Manuskripte führte dazu, daß die unterschiedlichen Schriften der handschriftlichen Vorlagen schließlich auch im Buchdruck verwendet wurden. [14]
Daß die Struktur seiner technologischen Innovation zur massenhaften Verbreitung von Schrift und zu einer gesellschaftlichen Verallgemeinerung des Schriftmediums führen sollte, konnte Gutenberg wohl kaum vorraussehen und hat er nicht vorausgesehen. Seine Verallgemeinerungserwartung knüpfte sich weniger an die Technik als an die Autorität der technisch gestalteten Textura. [15]
Letztlich kann man nur wenig »über Gutenbergs geistige Haltung, über die Motive, die ihn bei seiner Erfindung und seiner Anwendung leiteten, aussagen« [16]. Sicher scheint, daß es weder möglich ist, sein Handeln auf ökonomische Beweggründe zu reduzieren, noch wirtschaftliche Motive auszuschließen. Er ist aber sicher weder in technischer noch in intentionaler Sicht in der Lage gewesen, die Folgen seiner Erfindung einzuschätzen. [17]
» Weiter zum Kapitel II.4: Gutenbergs Schicksal
Quellenangaben
(1) Venzke: Johannes Gutenberg, S. 231 ff.
(2) Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 138.
(3) Ebd., S. 135. »Die Bezeichnung ars artificialiter scribendi, die heute gern als Umschreibung für den Typendruck gebraucht wird und als Fertigkeit des künstlichen Schreibens verstanden wird, […] ist ein fester Begriff aus der Terminologie der Berufsschreiber des späten Mittelalters. […] Die ars artificialiter scribendi wird von den Schreibmeistern als die Fertigkeit eines kunstvollen, nach den Regeln der Kalligraphie ausgeübten Schreibens verstanden; es ist also ein kunstgerechtes und fachmäßiges und dabei kunstvolles Schreiben« (Alfred Swierk: »Was bedeutet ›ars artificialiter scribendi‹?«, in: Hans Widmann (Hrsg.): Der gegenwärtige Stand der Gutenbergforschung (Bibliothek des Buchwesens 1), Stuttgart 1972, S. 244).
(4) Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift, S. 265
(5) Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 380
(6) Vgl. ebd., S. 184 ff.
(7) Vgl. ebd., S. 382 ff.
(8) Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 135
(9) Ebd., S. 142
(10) Jochen Hörisch: Der Sinn und die Sinne, S. 125
(11) Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift, S. 265
(12) Ebd., S. 245
(13) Ebd., S. 268
(14) Vgl. Otto Mazal: »Paläographie und Paläotypie. Zur Schriftgeschichte des 15. Jahrhunderts«, in: Lotte Hellinga & Helmar Härtel (Hrsg.): Buch und Text im 15. Jahrhundert. Arbeitsgespräch in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 1. bis 3. März 1978, Hamburg 1981, S. 65 sowie Ursula Altmann: »Zur Schriftentwicklung bei deutschen Inkunabeldruckern«, in: dies. (Hrsg.): Studien zur Buch- und Bibliotheksgeschichte. Hans Lüfling zum 70. Geburtstag am 24. November 1976, Berlin 1976, S. 60 f.
(15) Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift, S. 270
(16) Hans Lüfling: Johannes Gutenberg und das Buchwesen des 14. und 15. Jahrhunderts, München-Pillach 1969, S. 91
(17) Vgl. Füssel: Gutenberg-Forschung