III.3 Das Problem der »exemplaria«
Bevor eine Offizin mit der Herstellung eines Buches beginnen konnte – insofern gibt es keine Unterschiede zur Abschrift eines Werkes – mußte zunächst eine geeignete Vorlage beschafft werden. Eine solche aber zu finden, konnte durchaus eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Die verschiedenen Texte wurden im Manuskriptzeitalter zumeist in Bänden gemischten Inhalts aufbewahrt. Für das Zusammenstellen und das anschließende Binden der Bücher waren in der Regel nicht deren Verfasser oder Schreiber, sondern Bibliothekare, Auftraggeber oder Benutzer verantwortlich. [1] Nur sie konnten zunächst wissen, wo genau sich ein einzelnes Werk befand und unter welcher Bezeichnung es geführt wurde. »Die Identifikation bestimmter Texte war unter anderem deshalb in einer Zeit unzureichender Bibliothekskataloge sowie mißverständlicher Titel- und Autorenzuschreibungen keine leichte Aufgabe.« [2]
Die Besitzer der oft kostbaren Handschriften waren zudem aus Angst vor Beschädigung oder Verlust häufig nicht zu deren leihweisen Weitergabe bereit. »Die Humanisten bezeichneten deshalb die Klosterbibliotheken mit Vorliebe als Gefängnisse, und es galt ihnen als höchstes Verdienst, einen der Gefangenen aus diesen befreit zu haben.« [3] Insbesondere die Überlieferung seltener Schriften war durch Ausleihverbote und -beschränkungen gefährdet, da auch bei vermeintlich sicherer Verwahrung die Zerstörung eines Buchs durch Tintenfraß, Wurmbefall oder Feuer drohte. Thomasin von Zerclaere befürchtet im Welschen Gast entsprechend die Vernachlässigung seines Werkes, das in einem dunklen schrîn verschwinden und schließlich verloren gehen könnte. [4]
Viele wertvolle Texte konnten gerade noch vor der Vernichtung bewahrt werden, unzählige sind nicht mehr erhalten. Oft hing das Fortbestehen eines Textes von einer Kopie ab, die ein interessierter Gelehrter als sein eigener Schreiber gelegentlich angefertigt hatte. [5]
Die Angst vor dem Vergessen, vor dem Verlust von Informationen schwebt demnach nicht bloß über oral informierten, sondern auch skriptographisch organisierten Gesellschaften. [6] Die Hoffnung auf eine dauerhafte Speicherung des Wissens durch die Schrift war vor der Erfindung des Buchdrucks alleine an die Lebensdauer des verwendeten Materials gekoppelt. [7] Doch noch Johannes Trithemius propagierte in seiner 1494 veröffentlichten Schrift De laude scriptorum die längere Haltbarkeit des Pergaments gegenüber der des Papiers. [8] Unberechtigterweise aber verknüpft er dort, indem er den Buchdruck als eine res papirea [»papierene Angelegenheit«] bezeichnet [9], die Art und Weise der Buchproduktion mit der Verwendung eines bestimmten Beschreibstoffs. Einerseits aber hatte schon Gutenberg einige Exemplare der B 42 auf Pergament gedruckt, andererseits waren bereits seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Mehrzahl der Handschriften Papierkodizes. [10] Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch, daß die kürzere Lebenserwartung eines Mediums durch sein massenhaftes Auftreten mehr als nur kompensiert werden kann.
Ferner wurde der Zugang zum gewünschten Text dadurch erschwert, daß die Vorlage für den Druck wahrscheinlich nicht bloß ausgeliehen werden konnte, sondern ein käufliches Exemplar gefunden werden mußte, denn für den Arbeitsablauf war es von Vorteil, die Bindung der Vorlage zu lösen und die einzelnen Bögen auf mehrere Setzer zu verteilen; die von Gutenberg verwendete handschriftliche Vorlage für die Produktion der B 42 beispielsweise existiert nicht mehr, da sie vermutlich aus diesem Grund verbraucht worden ist. [11]
Die Auswahl der Vorlagen war darüber hinaus abhängig vom geographischen Standort der Offizin. Exemplarisch lassen sich die Möglichkeiten der Kölner Drucker anführen:
Sie konnten auf eine wahrscheinlich unüberschaubare Menge lateinischer Handschriften für ihr Druckprogramm zurückgreifen, hatten es daher bestimmt nicht leicht, wenn sie sich für das entscheiden mußten, was einen sicheren Absatz versprach. Umgekehrt gab es in Köln offenkundig keine Tradition deutschsprachiger literarischer Werke. Dies läßt sich aus den relativ wenigen literarischen Kodizes, die uns aus dieser Stadt und ihrer Umgebung überliefert sind, erschließen. [12]
»In der Anfangsphase hatten deshalb auch solche Bücher größere Chancen, gedruckt zu werden, von denen in der näheren Umgebung der ersten Zentren des Buchdrucks zahlreiche Handschriften zugänglich waren.« [13] »Umgekehrt wurden Werke erst später oder gar nicht gedruckt, deren Handschriften hauptsächlich entfernt von den bedeutenden typographischen Zentren aufbewahrt wurden.« [14] Dies war die Folge davon, daß das Vorhandensein vieler Texte den Druckern aufgrund der geschilderten Umstände schlichtweg verborgen blieb. Man mußte natürlich »erst einmal von der Existenz eines Werkes wissen, bevor überhaupt die Suche nach einem Exemplar der notwendigen Vorlage […] beginnen konnte« [15].
Mit der zunehmenden Erschließung bisher lediglich handschriftlich tradierter Werke durch den Buchdruck verringerte sich dieses Problem, denn nunmehr standen dieselben schlagartig in hoher Stückzahl zur Verfügung. Viele Drucke dienten deshalb sogar einer weiteren Abschrift als Vorlage. Bereits Curt F. Bühler bemerkt: »Experience has taught me that every manuscript ascribed to the second half of the fifteenth century is potentially [and often without question] a copy of some incunable.«[16]
Aber die höhere Verfügbarkeit bestimmter Texte war nicht alleine die Ursache dafür, daß ein Nachdruckwesen, welches »zur Entstehung einer ›Buchwirtschaft‹ nachhaltig beigetragen« [17] hat, einsetzen und um sich greifen konnte. Auch unter ökonomischen Gesichtspunkten war die Herausgabe eines schon gedruckten Buchs, insbesondere zu Zeiten eines fehlenden Urheber- und Verwertungsrechts, [18] interessant.
Die Buchdrucker, die über den Verkaufserfolg der verschiedenen Werke informiert waren, konnten solche Bücher auswählen und nachdrucken, die sich einer großen Nachfrage erfreuten und somit einen kommerziellen Erfolg garantierten. Die Vorlage diente ihnen zudem zur Planung des Buchprojekts im Hinblick auf das Format, die Typen des Drucks, das Zeilenmaß, den Durchschuß und die Beschaffung der benötigten Menge an Papier oder Pergament. [19] »Diese mühevollen Kalkulationen konnten entfallen oder doch beträchtlich gekürzt werden, wenn dem Setzer kein Manuskript, sondern schon ausgedruckte Bücher als Vorlage zugetragen wurden.« [20]
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Quellenangaben
(1) Vgl. Ernst P. Goldschmidt: Medieval Texts and Their First Appearance in Print, Oxford 1943, S. 94. Solange auch der Großteil der Inkunabeln ungebunden verkauft wurde, übernahm man diese Praxis übrigens auch im Buchdruck. Häufig wurden dann auch mehrere Drucke und Manuskripte in einem gemeinsamen Einband zusammengefaßt (Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 159). Ähnlich der schon beschriebenen inneren künstlerischen Ausgestaltung (siehe oben, S. 15 f.) konnte der Käufer somit ebenfalls die endgültige äußere Gestalt des Buches seinem individuellen Geschmack und Geldbeutel entsprechend bestimmen.
(2) Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 285
(3) Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift, S. 197
(4) Vgl. Wenzel: Hören und Sehen, S. 212
(5) Eisenstein: Die Druckerpresse, S. 15
(6) Vgl. Wenzel: Hören und Sehen, S. 212
(7) Vgl. Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 152 f.
(8) Vgl. Widmann: Vom Nutzen und Nachteil der Erfindung des Buchdrucks – aus der Sicht der Zeitgenossen des Erfinders, Mainz 1973, S. 28
(9) Ebd.
(10) Während zwischen 1300 und 1349 nur bei etwa jeder zehnten Handschrift in Deutschland auf Papier zurückgegriffen wurde, stieg der Anteil der Papierkodizes bis zur Erfindung des Buchdrucks auf über 80 % (vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 259).
(11) Vgl. Hans Lüfling: »Die Fortdauer der handschriftlichen Buchherstellung nach der Erfindung des Buchdrucks – ein buchgeschichtliches Problem«, in: Buch und Text im 15. Jahrhundert. Arbeitsgespräch in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 1. bis 3. März 1978. Hg. von Lotte Hellinga & Helmar Härtel, Hamburg 1981, S. 33
(12) Koppitz: Zum Erfolg verurteilt, S. 71 f.
(13) Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 409
(14) Ebd., S. 426
(15) Ebd., S. 285
(16) Curt F. Bühler: The fifteenth century book. The Scribes – the Printers – the Decorators, 2. Aufl., Philadelphia 1961, S. 16
(17) Kreutzer: Buchdruck und Roman in der Frühdruckzeit, S. 206
(18) Vgl. Ludwig Giesecke: »Humanisten und Urheberrecht«, in: Fritz Kraft & Dieter Wuttke (Hrsg.): Das Verhältnis der Humanisten zum Buch, Boppard 1977, S. 126. Es gab lediglich sogenannte Druckprivilegien, durch die aber nicht Autor oder Werk, sondern vielmehr die Buchdrucker geschützt wurden (vgl. ebd., S. 128).
(19) Vgl. Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 92
(20) Ebd., S. 95