III.2 Was wurde gedruckt?
Zu den ersten Druckwerken Europas gehören neben der B 42 eine ganze Reihe von weiteren, kleineren Drucken in lateinischer Sprache, wie beispielsweise Ablaßbriefe, Kalender und mehrere Ausgaben der Ars Minor des Aelius Donatus, der meistbenutzten lateinischen Grammatik des Mittelalters. [1] Obwohl es teilweise kontroverse Diskussionen bei der Frage nach der Urheberschaft einiger dieser frühen Drucke gibt, werden sie doch in aller Regel dem Œuvre Johannes Gutenbergs zugeordnet. [2] Auch die ersten volkssprachlichen Texte, der Türkenkalender, der Cisioianus und das in wenigen Fragmenten erhaltene Sibyllenbuch, stammen nach dem heutigen Kenntnisstand aus dessen Offizin. [3]
Im August 1457 wurde dann das erste Buch publiziert, an dem der Erfinder des Mobilletterndrucks nicht beteiligt war. Johannes Fust produzierte gemeinsam mit Peter Schöffer ein wiederum lateinisches Psalterium Moguntinum auf Pergament, das als erstes Druckwerk in der Geschichte mit einem Kolophon sowie einem Druckersignet versehen war. [4] Der sogenannte Mainzer Psalter übertrifft die Gutenberg-Bibel aber nicht nur aufgrund der Tatsache, daß sich die Setzer in diesem Fall »sogar mit 525 Typen herumschlagen« [5] mußten:
Dieser Psalter – im wesentlichen eine gängige Sammlung der alttestamentlichen Psalmen – wurde gar in drei verschiedenen Farben gedruckt, eine unerhörte Leistung, die über lange Zeit nicht wieder nachgeahmt werden sollte. Nicht nur hat man selbst die Majuskeln im Text rot eingedruckt, sondern auch die Initialen sind drucktechnisch wiedergegeben, und sogar der obligate Buchschmuck ist im Druck gestaltet. Somit stellt der »Mainzer Psalter« die konsequente Weiterführung des »Gutenbergschen« Gedankens dar […]. Es liegt auf der Hand, welch penible Genauigkeit des Arbeitens bei einem solchen Dreifarbendruck verlangt war […]. Wohl aus diesem Grund des beträchtlichen Arbeitsaufwandes blieb – von dem rund vierundzwanzigseitigen »Canon missae« abgesehen – der Dreifarbendruck des »Mainzer Psalters« für die Inkunabelzeit einzigartig. [6]
Solche liturgischen Bücher, zu denen zum Beispiel auch Breviere, Missalien und Livres d’heures gehören, ermöglichten den Offizinen der Wiegendruckzeit beträchtliche Einnahmen. Sie waren, obwohl sie nur 10 % der in Deutschland erschienenen Drucke ausmachten, in jenem Zeitraum für über ¼ des Umsatzes zuständig. [7] Ähnliches läßt sich für die herausgegebenen Bibeln feststellen, die für mehr als 10 % der Einnahmen sorgten, aber weniger als 1,5 % zur Gesamtproduktion beitrugen. [8] Dem überdurchschnittlichen Preis für solche Werke steht aber auch eine dementsprechend kostenintensive Produktion gegenüber, die das Ergebnis eines größeren Buchumfangs – »die 72 Inkunabelausgaben der Bibel aus Deutschland umfassen meist weit über 400 Blätter« [9] – und einer sehr guten Ausstattung ist.
Hohe Umsätze erzielten die Offizinen außerdem durch den massenhaften Verkauf von lateinischen Grammatiken wie dem Donat, der bekanntlich bereits von Gutenberg in mehreren Auflagen hergestellt worden ist. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts wurde diese sowie weitere Anfängergrammatiken in insgesamt über 300.000 und solche für Fortgeschrittene in mehr als 183.000 Exemplaren gedruckt. [10]
In Deutschland dominieren von Beginn an die lateinischen Drucke, während die nationalsprachlichen Ausgaben immerhin einen Anteil von geschätzten 20,6 % an der deutschen Gesamtproduktion des Inkunabelzeitalters einnehmen. [11] Dabei gab es erhebliche regionale Unterschiede. In Köln beispielsweise waren nur 4 % der hergestellten Bücher in deutscher Sprache, da die dort ansässigen Drucker nur auf eine geringe Menge solcher Texte zurückgreifen konnten. [12] Demgegenüber gewann »die Herstellung deutschsprachiger Bücher in Südwestdeutschland (Straßburg, Augsburg, Ulm), aber auch in Nürnberg ausgesprochenes Profil« [13]; hierauf wird im Verlaufe dieser Untersuchung noch näher einzugehen sein. Bei der Gruppierung nach Inhalten stehen bei den nationalsprachlichen Drucken die theologischen Texte mit 29 % an der Spitze, während etwa 16 % poetisches Schrifttum betreffen. [14]
Abgesehen von den bereits erwähnten volkssprachlichen Drucken Gutenbergs beginnt die Geschichte der Verbreitung deutscher literarischer Werke durch den Mobilletterndruck mit den Erstausgaben des Ackermann aus Böhmen, des Bonerschen Edelstein, den Vier Historien und der Armenbibel. [15] Der Ackermann erlebte im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts insgesamt elf Auflagen und gehört damit zu den beliebtesten nationalsprachlichen Titeln dieser Zeit. [16] Auch die deutschen Übersetzungen des Aesop und der Griseldis von Heinrich Steinhöwel sowie die Guiscard und Sigismunda, ins Deutsche übertragen von Niklas von Wyle, waren recht populär. [17] Die erfolgreichsten Werke, gleichsam die deutschsprachigen »Bestseller« des Inkunabelzeitalters aber waren Der Heiligen Leben (43 Ausgaben / 21.800 Exemplare), der Lucidarius (28 / 20.600), der Belial des Jacobus de Theramo (21 / 10.300), und die Melusine (16 / 6.500). [18] Vergleichbare lateinische Schriften allerdings waren in Bezug auf die hergestellten Quantitäten den volkssprachlichen Werken deutlich überlegen. Bis zum Jahr 1500 wurde beispielsweise Ciceros De officiis in über 40.000, die Legenda aurea in 37.800 und der lateinische Aesop in 33.000 Exemplaren herausgegeben. [19]
Man darf jedoch nicht übersehen, daß die volkssprachlichen Texte vielmehr als jene in lateinischer Sprache dazu geeignet waren, auch diejenigen zu erreichen, die nicht lesen konnten; denn die Kenntnis des Lateinischen war fast untrennbar mit dem Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten verbunden. So war der Anteil derjenigen Leser, die ausschließlich deutsche Texte lesen und verstehen konnten, mit weniger als 10 % des gesamten Rezipientenkreises – vor 1500 waren dies insgesamt mehr als 300.000 Menschen – ziemlich gering. [20]
Angesichts der Bedeutung, die das Mündliche bei der Weitergabe von Texten weiterhin hatte, beschränkte sich die geschriebene Literatur nicht nur auf die »Leser« im heutigen Sinne des Wortes, sondern sie erreichte auch eine große Zahl von Zuhörern. Jedes Exemplar eines gedruckten […] Textes konnte virtuell ausstrahlen, woraus sich unzählige Rezeptionen ergeben konnten, entweder dadurch, daß der Text laut vorgelesen wurde, oder dadurch, daß er als Grundlage fürs Auswendiglernen oder für eine freie Nacherzählung diente. Der hohe Grad an Analphabetismus bildete im Prinzip kein Hindernis für die Existenz eines zahlreichen Publikums. Es genügte, daß in einer Familie oder einer Gemeinschaft nur eine einzige Person lesen konnte, und schon stand jeder beliebige Text virtuell gesehen sehr vielen Leuten zur Verfügung. [21]
Dementsprechend oft wandten sich die »Autoren oder Herausgeber der gedruckten volkssprachlichen Werke […] an Leser und Hörer, z. B. im Goldenen Spiegel (1472), den Sieben weisen Männern (1478), dem Tristran(t) [und] dem Wigalois (1493)« [22].
In diesem Zusammenhang muß auch die Flugschrift Erwähnung finden, die sich von Anfang an »parallel und offensichtlich ganz unabhängig vom Druck der Buchliteratur entwickelte« [23]. Dieses kleine Druckerzeugnis in Heft- oder Einblattform wurde beispielsweise zur Nachrichtenübermittlung, Verbreitung von Volksliedern, aber auch zu Propagandazwecken eingesetzt [24] und erreichte insbesondere über die mündlichen Kommunikationswege auch die mittleren und unteren Volksschichten [25].
Die Auswahl der Werke durch die Drucker läßt sich im allgemeinen aus der handschriftlichen Überlieferung erklären. Sie produzierten in der Regel solche Titel, die auch in der Mitte des 15. Jahrhunderts noch häufig kopiert wurden. [26] Dennoch erschien weder das Nibelungenlied, noch die Weltchronik des Rudolf von Ems, obgleich sie zu den Werken gehören, die in einer Vielzahl von Manuskripten auch aus dem 15. Jahrhundert überliefert waren, zunächst nicht im Druck. [27] Es ist zu vermuten, daß sich die Herstellung verschiedener Texte für die Buchdrucker und Verleger im Einzelfall nicht lohnte, weil sich im Besitz vieler Kunden bereits ein handschriftliches Exemplar des Werkes befand und die Nachfrage demzufolge gering war. [28] So erlebten auch der Parzival des Wolfram von Eschenbach und der Titurel, die ebenfalls in vielen Kodizes des Mittelalters und des Spätmittelalters überliefert waren, nur eine Auflage. [29] Im Gegensatz dazu wurden »aus Zufällen oder wegen der persönlichen Vorlieben einzelner […] immer wieder einzelne Schriften gedruckt, die im Manuskriptzeitalter keine außergewönhliche Verbreitung gefunden hatten« [30].
Insgesamt aber wurden durch die Gutenbergsche Erfindung hauptsächlich solche Bücher produziert, die bereits zuvor überall bekannt waren. [31] »Erst von den Neunziger Jahren an erscheint eine größere Zahl von Werken, die für den Buchdruck und ausschließlich für ihn produziert oder doch jedenfalls bearbeitet worden sind.« [32] Zu ihnen zählt auch das 1494 veröffentlichte Narrenschiff des Sebastian Brant, das sich mit 13 Ausgaben in 11.700 Exemplaren in kurzer Zeit großer Popularität erfreuen konnte und also ebenfalls zu den deutschsprachigen »Bestsellern« des 15. Jahrhunderts gehört. [33]
In der Forschung wird bisweilen mit spürbarer Enttäuschung registriert, daß »von den zu Gutenbergs und seinen Nachfolger Zeiten verfügbaren Titeln deutscher Literaturwerke – es sind wahrscheinlich weit mehr als 5.000, denn nicht alles ist uns überliefert – […] vielleicht 10 % gedruckt« [34] wurden. Ein Grund hierfür ist sicherlich, daß die Buchdrucker darum bemüht waren, nur solche Texte herauszugeben, die einen ökonomisch vertretbaren Absatz und »wegen ihrer großen Bekanntheit sichere Gewinne versprachen« [35]. Warum außerdem nur eine kleine Auswahl aus dem Spektrum der überlieferten mittelhochdeutschen, frühneuhochdeutschen und auch der lateinischen Literatur vertrieben werden konnte, wurde schon mehrfach angedeutet und soll im folgenden Abschnitt näher beleuchtet werden.
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Quellenangaben
(1) Vgl. Cornelia Schneider: »Mainzer Drucker – Drucken in Mainz (I). Der Erstdrucker: Gutenberg«, in: Gutenberg. aventur und kunst. Vom Geheimunternehmen zur ersten Medienrevolution, Mainz 2000, S. 194 ff.
(2) Vgl. ebd.
(3) Vgl. Schneider: Mainzer Drucker – Drucken in Mainz (I), S. 196
(4) Vgl. Füssel: Gutenberg, S. 84
(5) Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 96
(6) Venzke: Johannes Gutenberg, S. 272 f.
(7) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 438
(8) Vgl. ebd.
(9) Ebd., S. 439
(10) Vgl. ebd., S. 498
(11) Vgl. Schmitz: Gegebenheiten deutschsprachiger Textüberlieferung, S. 323. Betrachtet man die Entwicklung innerhalb des anvisierten Zeitraums, stellt man fest, daß diese weniger durch einen Aufwärtstrend als vielmehr durch Stagnation gekennzeichnet ist. Im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts geht der Anteil der deutschsprachigen Drucke sogar auf 16,6 % zurück (Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 435).
(12) Vgl. Schmitz: Gegebenheiten deutschsprachiger Textüberlieferung, S. 323 f.
(13) Ebd. S. 324
(14) Vgl. Brandis: Handschriften und Buchproduktion, S. 180
(15) Vgl. Koppitz: Zum Erfolg verurteilt, S. 73
(16) Vgl. ebd.
(17) Vgl. Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, S. 300
(18) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 508
(19) Vgl. ebd.
(20) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 512 ff. sowie S. 520. Neddermeyer weist anhand des Umfangs der Buchproduktion nach, daß die bisherigen Schätzungen über die Zahl der Lesefähigen im Deutschland des 15. Jahrhunderts mit zumeist ungefähr 100.000 Personen (etwas weniger als 1 % der Bevölkerung) deutlich zu niedrig angesetzt wurden (vgl. ebd. S. 458 ff.).
(21) Roger Chartier: »›Populärer‹ Lesestoff und ›volkstümlicher‹ Leser in Renaissance und Barock«, in: ders. & Guglielmo Cavallo: Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm. Frankfurt a. M. / New York 1999, S. 410
(22) Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 512 (Hervorhebung nicht im Original)
(23) Brandis: Handschriften- und Buchproduktion, S. 181
(24) Vgl. Füssel: Gutenberg, S. 121 ff.
(25) Vgl. Tilo Brandis: Handschriften- und Buchproduktion, S. 181
(26) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 429
(27) Koppitz: Zum Erfolg verurteilt, S. 74
(28) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 434
(29) Vgl. Koppitz: Zum Erfolg verurteilt, S. 74 f.
(30) Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 428
(31) Vgl. ebd., S. 426
(32) Hans Joachim Kreutzer: »Buchdruck und Roman in der Frühdruckzeit«, in: Ludger Grenzmann & Karl Stackmann (Hrsg.): Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Symposion in Wolfenbüttel 1981, Stuttgart 1984, S. 204
(33) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 508
(34) Koppitz: Zum Erfolg verurteilt, S. 75
(35) Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 394