IV.1 Absatzsteigerung und Sprachausgleich

Im vorhergehenden Kapitel konnte festgestellt werden, daß die rasche Ausbreitung der Buchdruckerkunst und die damit einhergehende Steige­rung der Buchproduktion zu ansteigenden Auflagen und fallenden Buch­preisen geführt haben, durch welche die Offizinen unter starken ökono­mischen Druck gerieten.

Im folgenden soll nun untersucht werden, ob die Buchdrucker nicht bloß durch werbende Mittel, sondern ebenfalls durch den überregiona­len Vertrieb ihrer deutschsprachigen Bücher versucht haben, ihren Ab­satz zu steigern und deshalb prinzipiell als Förderer gemeinsprachlicher Tendenzen in Frage kommen, indem sie auf landschaftliche Sprachvarie­täten verzichteten. Es wird sich zeigen, daß es aufgrund der unterschied­lichen Marktpolitik der Offizinen nicht möglich ist, [1] den Buchdruckern im allgemeinen ein bewußt gelenktes Normierungsstreben zuzuschreiben. Andererseits kann eine sprachvereinheitlichende Wirkung durch den Han­del mit Druckerzeugnissen aber keinesfalls ausgeschlossen werden.

Arno Schirokauer ist grundsätzlich davon überzeugt, daß die deut­schen Buchdrucker überhaupt kein ökonomisches Interesse an einem überregionalen Verkauf ihrer volks­sprach­li­chen Texte hatten. [2] Als Be­gründung führt er zunächst an, daß ihre wirtschaftliche Existenz fast aus­schließlich auf der Produktion lateinischer Bücher beruht habe, da der Anteil der deutschen Drucke an denen des 15. Jahrhunderts lediglich 5 % betrage. [3]

Er macht hier allerdings den Fehler, die Anzahl der deutschspra­chigen Auflagen in Beziehung zur gesamten Buchproduktion des Inku­nabelzeitalters zu setzen. Im Kontext der vorliegenden sowie auch Schi­rokauers Untersuchung allerdings hat es keinen Sinn, diejenigen Bücher zu berücksichtigen, die von Druckereien im »Ausland« hergestellt worden sind. Vielmehr ist nur der Anteil der nationalsprachlichen Dru­cke an der Gesamtproduktion der deutschen Buchdrucker von Bedeu­tung, der mit den bereits genannten 20,6 % deutlich höher liegt. In Augsburg konnte er auch aufgrund der in Kapitel 3.3 erläuterten Um­stände sogar 59 % erreichen. [4]

Demnach gab es durchaus Buchdrucker, deren Geschäft zu einem nicht unwesentlichen Teil auf dem Verkauf volkssprachlicher Titel gründete. Vielmehr noch spezialisierten sich sogar einige Offizinen auf die Pro­duktion solcher Bücher. [5] Aber sollte ein Drucker, selbst wenn er sein Geld hauptsächlich mit der Herstellung lateinischer Werke ver­diente – Schirokauer wählt exemplarisch den Buchdrucker Zainer aus Ulm, der bis 1488 nur zwei deutsche, aber 27 lateinische Bücher heraus­gab [6] –, nicht ebenfalls an dem Absatz seiner deutschsprachigen Bücher interessiert gewesen sein? »Der Druck eines umfangreicheren Buchs in auch nur 200 Exemplaren bedeutet [schließlich] eine beträchtliche Kapi­talinvestierung« [7], konstatiert Schirokauer selbst wenige Seiten später.

Weiter argumentiert er, daß die geringen Auflagen von durchschnitt­lich 200 Exemplaren im 15. Jahrhundert wohl nur zur Befriedigung eines lokal begrenzten Marktes geeignet gewesen seien. [8] Tatsächlich aber wurden aus Gründen der Wirtschaftlichkeit im Verlaufe des Inku­nabelzeitalters deutlich höhere Auflagen erreicht. Diese wurden dann auch überregional vertrieben, wie das Beispiel der 1493 in Nürnberg bei Anton Koberger hergestellten Weltchronik des Nürnberger Stadtarztes Hart­mann Schedel, eine der bekanntesten Inkunabeln [9], verdeutlicht. Sie wurde in etwa 1.400 lateinischen und 700 deutschen Exemplaren veröf­fentlicht. [10]

Für den Druck der Schedelschen Weltchronik […] hat sich als einer der seltenen Glücksfälle die Endabrechnung erhalten. […] Nach der Abrechnung vom 22. Juni 1509 haben mehr als 50 Kommissionäre in über 30 Orten den Vertrieb übernommen […]. Buchhändler, Verleger und Kaufleute aus dem süddeutschen Raum, aber auch in Paris, Straßburg, Lübeck, Danzig, Krakau, Wien, Venedig, Florenz und Mailand waren am Verkauf der Weltchronik beteiligt […]. Koberger, dessen Hauptabsatzgebiete in Süddeutschland, Sachsen und Niedersachsen, den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und in Oberitalien liegen, vertritt den Typus des in­ternational operierenden Großbuchhändlers und Verlegers, der über weit gespannte Bezie­hungen verfügt. Nur wenige Betriebe am Ende der Inkunabelzeit sind aber von diesem Zu­schnitt. [11]

Auch wenn die große Anzahl kleinerer und mittlerer Offizinen dem­gegenüber hauptsächlich für den lokalen Markt arbeiteten und in man­chen Fällen anstatt des Exports der Druckauftrag an einen im erwarteten Absatzgebiet befindlichen Kollegen abgegeben wurde, [12] dürfen wirt­schaftliche Interessen als Motor des Verzichts auf sprachlandschaftliche Eigentümlichkeiten demzufolge nicht unberücksichtigt bleiben. [13]

In diesem Zusammenhang wird bezweifelt, daß die Mitarbeiter in den Druckereien des 15. Jahrhunderts überhaupt »die für die verschie­denen Sprachregionen gültigen Formen« [14] kannten, um zum Beispiel zu einer Vereinheitlichung von Orthographie oder Syntax zu gelangen. Be­reits die Autoren der mittelhochdeutschen höfischen Literatursprache aber waren in der schriftlichen Kommunikationsform dazu gezwungen, »die Nichtanwesenheit der Partner und der Gegenstände der Kom­munikation durch einen standardisierten, disziplinierten Sprachgebrauch zu kompen­sieren« [15]. Sie waren daher um eine Relativierung und Über­windung regionaler Sprachvarietäten bemüht, um den Erwartungen und Ansprüchen ihres Publikums gerecht zu werden. [16] Im Renner des Hugo von Trimberg heißt es dementsprechend:

Swer tiutsche wil eben tihten,
Der muoz sîn herze rihten
Ûf manigerleie sprâche:
Swer wênt daz die von Âche
Reden als die von Franken,
dem süln die miuse danken.
Ein ieglich lant hât sînen site,
Der sinem lantvolke volget mite.
An sprâche, an mâze und an gewande
Ist unterscheiden lant von lande […] [17]

Er war deshalb durchaus in der Lage, einzelne Patois aufgrund ihrer Eigentümlichkeiten zu charakterisieren:

Swâben ir wörter spaltent,
Die Franken ein teil si valtent,
Die Beier si zezerrent,
Die Düringe si ûf sperrent,
Die Sahsen si bezuckent,
Die Rînliute si verdruckent,
Die Wetertreiber sie würgent,
Die Mîsner sie wol schürgent,
Egerlant si swenket,
Osterrîche sie schrenket,
Stîrlant si baz lenket,
Kernte ein teil si senket […] [18]

Demnach sollten auch manchem, »zumeist akademisch gebildeten Dru­cker« [19] die Spezifika einiger Schreib- und Drucksprachen bekannt ge­wesen sein, zumal an anderer Stelle auch den Bücherlesern »ein hohes Maß an Kenntnis fremdregionaler Varianten« [20] zugesprochen wird.

Um zu prüfen, ob sich die Drucker dieser Sprachkenntnisse be­dienten, müßte man beispielsweise die für den Export vorgesehenen deut­schen Texte aus einem bestimmten Gebiet den regional vertriebenen gegenüberstellen und hinsichtlich sprachlicher Unterschiede untersuchen. Außerdem wären Druckerzeugnis, dazugehörige Vorlage und die regiona­len Schreibtraditionen einem systematischen Vergleich zu unterziehen, um den spezifischen Beitrag des Buchdrucks herauszuarbeiten. [21] Ebenso müß­ten Herkunft und Bildungsgang des Druckers, vielleicht sogar der beteilig­ten Setzer und Korrektoren, in die Analyse miteinbezogen werden.

Es gibt jedoch »erst wenige eingehende Gesamtuntersuchungen, die sich mit der Praxis einer Offizine oder eines Druckerzentrums befas­sen« [22]. Im Gegensatz zu den zahlreichen Arbeiten über die Ge­schäfts- und Kanzleisprachen bleiben solche über die Druckersprachen zudem entweder zu oberflächlich oder ohne Gesamtperspektiven. [23] Unabhängig von dem Ergebnis einer solchen Analyse kann davon aus­gegangen werden, daß »strenge Sprachgrenzen innerhalb der Territorien zwar nicht verschwanden, aber aufgelockert wurden, da die in den unter­schiedlichen Druckersprachen abgefaßten Texte nun auch in anderen Regionen gelesen wurden« [24]. So wurde der Kontakt zwischen den Laut-Territorien und infolgedessen ein Sprachausgleich zum einen dadurch gefördert, daß auch diejenigen Bücher ihren Produktionsort verlassen konnten, die des kostspieligen und umständlichen Vertriebs wegen von den kleineren Druckereien nur am lokalen Markt angeboten wurden, in­dem sie ein auswärtiger Kunde erwarb. [25] Diese Titel dienten dann unter Umständen in der Heimat des Käufers wiederum als Vorlage für einen Nachdruck.

Außerdem ließen sich die Drucker im Zuge der Ausbreitung der Buchdruckerkunst sowie auch bei späteren Neugründungen nicht unbe­dingt an den Orten nieder, an denen sie ausgebildet wurden. Vielmehr gab es zahlreiche Wanderdrucker, »die alle paar Jahre ihre Offizin an einen neuen Platz verlegten, um dessen Bücherverlangen an Ort und Stelle zu befriedigen« [26]. Entweder wird sich dann der zugezogene Buch­drucker bemüht haben, »seinen Lautstand dem des neuen Marktes anzu­passen, oder seine neuen Kunden werden statt der eigenen Mundart die des Drucks« [27] kennengelernt haben. »Schich­ten­spe­zi­fi­sche Sprachbar­rieren sowie sprachraumbildende Grenzen der Territorien wurden [also] zumin­dest mit der passiven Beherrschung überregionaler Formen ge­sprengt.« [28] An dieser Stelle könnte man berechtigterweise einwenden, daß es die beschriebenen überregionalen Sprachkontakte – auch aufgrund des deut­lichen und kontinuierlichen Auf­schwungs der manuellen Buchprodukti­on seit den 1370er Jahren [29] – in ähnlicher Form schon vor der Erfin­dung Gutenbergs gegeben haben muß. Dem Buchdruck aber sind »mit seiner Mas­senherstellung formende Kräf­te in viel stärkerem Maße im­manent als allem, was auf dem Gebiet handschriftlicher Vervielfältigung vorausging.« [30]

Quellenangaben

(1) Vgl. Hartweg: Die Rolle des Buchdrucks, S. 1420

(2) Vgl. Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 327

(3) Vgl. ebd.

(4) Vgl. von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte, S. 128

(5) Vgl. Lotte Hellinga: »Das Buch des 15. Jahrhunderts im Übergang von der Hand­schrift zum Buchdruck. Festvortrag anläßlich des 50jährigen Bestehens des In­stituts für Buchwissenschaft und der 96. Ordentlichen Mit­glieder­ver­samm­lung der Guten­berg-Gesellschaft am 21. Juni 1997«, in: Gutenberg-Jahrbuch 1998, S. 51

(6) Vgl. Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 327

(7) Ebd., S. 335

(8) Vgl. Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 328

(9) Vgl. Füssel: Gutenberg, S. 109. »Bekannt ist die Chronik durch ihre zahlreichen, häuWg erstmaligen Stadtansichten im Holzschnitt. Sie sind allerdings nur zu einem geringen Teil authentisch, zum Beispiel muß ein Holzstock für Mainz, Neapel, Aquila, Bologna und Lyon herhalten. Andere Abbildungen sind wegen ihrer detailgetreuen Darstellung bis heu­te geschätzt. Michael Wohlgemuht und sein Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff schufen in ihrer Werkstatt die Holzschnitte, und da bei ihnen in den Jahren 1486 bis 1489 auch Al­brecht Dürer lernte, wird immer wieder spekuliert, daß der junge Dürer an den Vorzeich­nungen der Illustrationen dieser Weltchronik beteiligt war« (ebd.).

(10) Vgl. ebd. Normalerweise unterschied sich die Auflagenhöhe der deutschen Drucke kaum von der der lateinischen (vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum ge­druckten Buch, S. 134).

(11) Rautenberg: Von Mainz in die Welt, S. 243

(12) Vgl. Schirokauer: Frühneuhochdeutsch, S. 895

(13) Vgl. Hartweg: Die Rolle des Buchdrucks, S. 1422

(14) Widmann: Buchdruck und Sprache, S. 15

(15) Wenzel: Hören und Sehen, S. 267

(16) Vgl. ebd., S. 268 sowie Joachim Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im ho­hen Mittelalter, 4. akt. Aufl., München 2000, S. 27

(17) Hugo von Trimberg: Der Renner. Herausgegeben von Gustav Ehrismann. Mit einem Nachwort und Ergänzungen von Günther Schweikle, 4 Bde. Berlin 1970, hier: Bd. 3, V. 22253 ff.

(18) Ebd., V. 22265 ff.

(19) Gerhart Wolff: Deutsche Sprachgeschichte. Ein Studienbuch. 4. akt. Aufl., Tü­bingen / Basel 1999, S. 108. Aufgrund seiner späteren Leistungen wird angenom­men, daß auch Gutenberg »als Kind einer patrizischen Familie in jedem Fall eine solide schu­lische Aus­bildung erfahren haben« (Venzke: Johannes Gutenberg, S. 38) muß. Wahrscheinlich war er dann ab dem Sommersemester 1418 an der Universität Erfurt immatrikuliert (Vgl. Albert Kapr: »Hat Johannes Gutenberg an der Erfurter Universi­tät studiert?«, in: Gutenberg-Jahrbuch 1980, S. 29), wo er »im Wintersemester 1419/20 […] zum Baccalaureus promoviert worden« (Füssel: Gutenberg, S. 22) ist.

(20) von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte, S. 172. Vgl. auch Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 329

(21) Vgl. Hartweg: Die Rolle des Buchdrucks, S. 1426

(22) Vgl. ebd.

(23) Vgl. ebd.

(24) Fleischmann: Metallschnitt und Teigdruck, S. 95

(25) Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 336

(26) Schirokauer: Frühneuhochdeutsch, S. 895

(27) Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 338

(28) Hartweg: Die Rolle des Buchdrucks, S. 1418

(29) Vgl. Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch, S. 219 ff. sowie S. 313 ff.

(30) Widmann: Buchdruck und Sprache, S. 19