Kapitel I: Einleitung
Bei einem von amerikanischen Wissenschaftlern erstellten Ranking zum »man of the millennium« verwies Johannes Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks Konkurrenten wie Christoph Columbus und Martin Luther auf die Plätze. [1] Als Begründung hierfür wird angegeben, »daß alle wichtigen Entwicklungen der nachfolgenden Jahrhunderte […] ohne die Wirkungen des von Gutenberg begründeten neuen Massenmediums nicht möglich gewesen wären« [2]. Daß die Einführung des Drucks mit beweglichen Lettern demnach ein »markantes Ereignis in der europäischen Kulturgeschichte« bedeutet, zählt bis heute zur opinio communis. »Weniger Einhelligkeit ist zu verzeichnen, wenn es darum geht, die Wirkung des Buchdrucks bei der Herausbildung einer einheitlich normierten Schriftsprache einzuschätzen.« [4]
Eine Gruppe der Sprachhistoriker ist der Meinung, ohne dessen Einfluß »wäre es der volkssprachlichen Literalität […] nicht gelungen, den kommunikativ eingegrenzten Raum dialektaler Schriftvarianten zu verlassen« [5]. Marshall McLuhan betont, daß »in Deutschland, das pluralistischer war und aus vielfältigeren Stammesgruppen bestand als das übrige Europa, […] sich ›die vereinheitlichenden Funktionen des Buchdruckes bei der Schaffung einer literarischen Sprache‹ als auffallend wirksam« [6] zeigten.
Der Anteil des »Mobilletterndrucks« [7] an der Entstehung einer deutschen Gemeinsprache als »ein geistesgeschichtliches Phänomen« [8] wird dabei in der Regel mit außersprachlichen, sozio-ökonomischen Ursachen in Verbindung gebracht. Die unter starkem wirtschaftlichen Druck stehenden Buchdrucker und Verleger hätten ein starkes Interesse daran gehabt, ihr Absatzgebiet zu vergrößern und ihre Bücher auch überregional zu verkaufen. [9] Aus diesem Grunde seien sie darauf bedacht gewesen, daß ihre Produkte in anderen Gegenden Deutschlands zu verstehen und zu lesen sind [10], »um nicht von vornherein die Verkaufsaussichten ihrer Produkte einzuschränken« [11]. Somit hätten sie durch den Verzicht auf die Verwendung dialektaler Sprache wesentlich zum sprachlichen Ausgleichs- und Normierungsprozeß beigetragen. [12]
Gegen eine solche Position, durch welche sich »die sonst so idealistischen Sprachhistoriker zum krassen Materialismus« [13] bekennen, hatte zunächst Arno Schirokauer Einwände erhoben: Insbesondere die Vorherrschaft lateinischer Drucke und die geringe Abhängigkeit der Buchdrucker vom überregionalen Export habe zur Folge, daß die Offzinen nicht als Förderer schriftsprachlicher Vereinheitlichung angesehen werden könnten. [14] Vielmehr noch ist er der Überzeugung, »daß der frühe Buchdruck einen Sprachausgleich dämmt und gemeinsprachliche Bewegungen unterbricht, für die sich in den Handschriften Beweisstücke finden« [15].
Auch wenn Schirokauers Ansichten nicht unwidersprochen geblieben sind, haben sie offensichtlich zu einer Relativierung der Rolle des Buchdrucks geführt. [16] Nicht wenige Sprachforscher sind nämlich zu der Erkenntnis gelangt, die Bedeutung der neuen Drucktechnologie für die Sprachgeschichte des Frühneuhochdeutschen dürfe nicht zu hoch eingeschätzt werden. [17]
Im folgenden soll nun versucht werden, einer allzu großen Marginalisierung des Buchdrucks im Hinblick auf seinen Einfluß bei der Herausbildung einer allgemeinen deutschen Hochsprache entgegenzuwirken. Diese Arbeit soll sich dabei an der These orientieren, daß technische Erfindungen und ökonomisches Kalkül durchaus kulturellen Fortschritt hervorbringen können und nicht notwendigerweise im Gegensatz zu diesem stehen. Dabei wird der Blick sowohl auf die Vertriebskanäle – diesem Punkt schenken viele Forschungsbeiträge eine besondere Aufmerksamkeit –, als auch auf den Prozeß der Buchherstellung und im besonderen auf die Arbeit des Setzers zu richten sein. Ab dem nächsten Kapitel ist also zunächst zu untersuchen, welchen ökonomischen Druck die Buchdrucker und Verleger schon in der Inkunabelzeit [18] zu spüren bekamen; denn auf diesen Zeitraum soll sich die vorliegende Untersuchung beschränken. Dabei wird zuallererst versucht, die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und das damit verbundene Schicksal Gutenbergs zu rekapitulieren, wodurch zugleich ein Einblick in die Arbeitsabläufe einer Druckerei jener Zeit ermöglicht werden soll. Daran anschließend müssen zentrale Fragen zur weiteren Entwicklung dieser vor allem technischen Innovation beantwortet werden. In diesem Zusammenhang gilt es beispielsweise zu klären, was für eine Auflagenhöhe erreicht und welche Bücher die Offizinen in dem hier anvisierten Zeitabschnitt überhaupt gedruckt haben. Mit den dann vorliegenden Ergebnissen soll schließlich auf die oben bereits angedeutete Diskussion näher eingegangen und gezeigt werden, daß der Buchdruck durchaus als Förderer schriftsprachlicher Vereinheitlichungstendenzen betrachtet werden muß.
Um »durch den Buchdruck eingeleitete Veränderungen richtig einschätzen zu können, müssen wir uns [auch] über die Umstände klar werden, die herrschten, bevor er in Erscheinung trat« [19]. An einigen Stellen wird es deshalb notwendig sein, auch Bezüge zur Zeit vor der Produktion des ersten gedruckten Buches herzustellen. Michael Gieseckes Untersuchung Der Buchdruck in der frühen Neuzeit [20] ist nicht zuletzt auch deswegen kritisiert worden, weil sie zu wenig die Umstände vor der Erscheinung des Buchdrucks berücksichtigt: »This representation is an unbalanced one, considering it too much in the light of what is happening five centuries later and not enough in connection with what it replaced.« [21]
» Weiter zum Kapitel II: Johannes Gutenberg und die Erfindung des Buchdrucks
Quellenangaben
(1) Vgl. Agnes Hooper Gottlieb, Henry Gottlieb, Barbara Powers & Brent Powers: 1000 years, 1000 people. Ranking the men and women who shaped the millennium, New York u. a. 1999, S. 2
(2) Stephan Füssel: Gutenberg, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 7. Erstaunlich ist diese nachträgliche Wertschätzung besonders dann, wenn man bedenkt, daß »bis ins 18. Jahrhundert hinein der Glaube vorherrschte, [Peter] Schöffer und hauptsächlich [Johannes] Fust seien als Erfinder« (Andreas Venzke: Johannes Gutenberg. Der Erfinder des Buchdrucks, Zürich 1993, S. 277) des Buchdrucks anzusehen.
(3) Frédéric Hartweg: »Die Rolle des Buchdrucks für die frühneuhochdeutsche Sprachgeschichte«, in: Werner Besch (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, Berlin / New York 1985, S. 1415. Walter J. Ong zum Beispiel bezeichnet den Buchdruck – neben der Schrift und der Computertechnologie – als Meilenstein der Technologisierungsgeschichte des Worts (vgl. Walter J. Ong: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes, Opladen 1987, S. 82 f.).)
(4) Frédéric Hartweg: »Buchdruck und Druckersprachen«, in: Hans-Joachim Köhler (Hrsg.): Flugschriften als Massenmedium der Reformationszeit. Beiträge zum Tübinger Symposium 1980 (= Spätmittelalter und Frühe Neuzeit 13), Stuttgart 1981, S. 43. Auch die Entwicklung einer standardisierten Schriftsprache muß als ein bedeutsamer kulturgeschichtlicher Fortschritt angesehen werden, da sie unter anderem »als eine entscheidende Vorbedingung für eine effektive Alphabetisierung breiter Volksklassen betrachtet« (Helmut Glück: Schrift und Schriftlichkeit. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Studie, Stuttgart 1987, S. 135) wird.
(5) Cornelia Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift. Der Literalisierungsprozeß und die Entstehungsgeschichte des Dramas, Stuttgart 1996, S. 365
(6) Marshall McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Düsseldorf/Wien 1968, S. 312
(7) Andreas Venzke benutzt den Terminus Mobilletterndruck, da es sich »strenggenommen bei der Gutenbergschen Erfindung nicht um den Buchdruck, sondern um den ›Buchdruck mit beweglichen Lettern‹« (Venzke: Johannes Gutenberg, S. 111) handelt. Bereits zuvor habe man nämlich sogenannte Blockbücher mit Hilfe des Holztafeldrucks hergestellt (vgl. ebd., S. 111 f.). »Es ist allerdings noch nicht […] sicher, daß die Xylographie älter ist als die Typographie« (Uwe Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch. Schriftlichkeit und Leseinteresse im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Ruantitative und qualitative Aspekte, Wiesbaden 1998, S. 359). Die allgemeine Bezeichnung Buchdruck ist aber außerdem aus einem anderen wichtigen, von Venzke nicht angeführten Grund ungenau: Sie reduziert die mit der neuen Technologie produzierten Medien einzig auf das Buch, obwohl schon von Gutenberg auch Einblattdrucke hergestellt worden sind. Trotzdem werden auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit die Termini Mobilletterndruck und Buchdruck synonym verwendet. Das damit umschriebene Verfahren wird in Abschnitt 2.2 näher erläutert.
(8) Arno Schirokauer: »Der Anteil des Buchdrucks an der Bildung des Gemeindeutschen«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 25 (1951), S. 325
(9) Vgl. Hans-Joachim Koppitz: »Zum Erfolg verurteilt. Auswirkungen der Erfindung des Buchdrucks auf die Überlieferung deutscher Texte bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts«, in: Gutenberg-Jahrbuch 1980, S. 78
(10) Vgl. Michael Giesecke: Sinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandel. Studien zur Vorgeschichte der Informationsgesellschaft. 2. durchgesehene Aufl., Frankfurt a. M. 1998, S. 328
(11) Hartweg: Die Rolle des Buchdrucks, S. 1419
(12) Vgl. Adolf Bach: Geschichte der deutschen Sprache. 7. erw. Aufl., Heidelberg 1961, S. 202
(13) Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 324
(14) Vgl. ebd., S. 325 ff. und ders.: »Frühneuhochdeutsch«, in: Wolfgang Stammler (Hrsg.): Deutsche Philologie im Aufriß. 2. bearb. Aufl., Bd. 1, Berlin 1957, S. 894 ff.
(15) Schirokauer: Der Anteil des Buchdrucks, S. 330
(16) Vgl. Epping-Jäger: Die Inszenierung der Schrift, S. 308 f. Exemplarisch sei hier Walter Henzen genannt, der Schirokauers Befund nicht teilt und darauf hinweist, daß aus dessen eigenen Ausführungen vielmehr die fördernde Wirkung des Mobilletterndrucks auf den schriftsprachlichen Standardisierungsprozeß hervorgehe (vgl. Walter Henzen: Schriftsprache und Mundarten. 2. neu bearb. Aufl., Bern 1954, S. 103). Hans Widmann wiederum relativiert die Aussagen Schirokauers, aber auch die Wirkungskraft des Buchdrucks, wenn er schreibt: »Bestreiten läßt sich auch nicht, daß im Buchdruck des in Frage stehenden Zeitraums gewisse Ausgleichsbestrebungen erkennbar sind« (Hans Widmann: Buchdruck und Sprache, Mainz 1964, S. 19 [Hervorhebung nicht im Original]).
(17) Vgl. Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band I: Einführung, Grundbegriffe, 14.-16. Jahrhundert. 2. überarb. u. erg. Aufl., Berlin / NewYork 2000, S. 126 f.
(18) »Das Wort ›incunabula‹ ist im Zusammenhang mit dem Druckerwesen zuerst von dem Domdechanten von Münster, Bernhard von Mallinckrodt, in seinem Traktat De ortu et progressu artis typographicae (Köln 1639) benutzt worden, einem Beitrag zur Zweihundertjahrfeier von Gutenbergs Erfindung. Darin bezeichnet er die Periode von Gutenberg bis 1500 als ›prima typographiae incunabula‹, die Zeit, da die Typographie noch ›in den Windeln lag‹« (Sigfrid H. Steinberg: Die schwarze Kunst. 500 Jahre Buchwesen. 3. erw. Aufl., München 1988, S. 15). »Für die moderne Inkunabelforschung gilt, daß der 1. Januar 1501 als Terminus ante quem zählt. Alle modernen Bibliographien und Kataloge beachten diese zeitliche Grenze. Selbstredend kann diese Grenze als willkürliche Setzung angesprochen werden. Die Grenzziehung zwischen ›Inkunabeln‹ und ›Frühdrucken‹ (Postinkunabeln) trennt ja nicht selten das Werk eines Druckers schematisch in zwei Teile, wenn die betreffende Offizin ihre Tätigkeit noch im ausgehenden 15. Jahrhundert aufgenommen, aber noch im beginnenden 16. Jahrhundert fortgesetzt hat. […] Jedoch hat sich das Datum 31.12.1500 als Abschluß des Inkunabelzeitalters aus praktischen Gründen durchgesetzt« (Otto Mazal: Die Überlieferung der antiken Literatur im Buchdruck des 15. Jahrhunderts, Stuttgart 2003, S. 34 f.).
(19) Elisabeth L. Eisenstein: Die Druckerpresse. Kulturrevolution im frühen modernen Europa, Wien / New York 1997, S. 5
(20) Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, Frankfurt a. M. 1991
(21) Dennis H. Green: o. T. [Rezension zu Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit] in: Medium Ævum, Bd. 62 (1993), S. 165